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Marie - der Dorfanger

Sie begann leicht zu zittern in der Abendkühle, zog erst die Schultern nach oben und dann das Tuch etwas fester. Marie erhob sich, nahm, mit einem letzten Blick vorläufig Abschied von ihrem See; noch unschlüssig, wohin sie ihre Schritte nun richten sollte, wandte sie sich der Straße zu, die verlassen vor ihr lag und deren Fassaden der Bauernhäuser rot schimmerten gegen die untergehende Sonne.
Nach Hause zog sie noch nichts, die Kinder waren an diesem Wochenende bei ihrem Exmann. So begann sie nun, anstatt den Heimweg durch die Gemarkung an zu treten, die leichte Steigung ins Dorfzentrum hinauf zu gehen. Marie ging langsam diesen Weg, fast bedächtig. Denn obwohl sie ihn schon oft gegangen war oder gefahren mit dem Rad, ging sie heute in der Vergangenheit.
Fast jedes Haus kannte sie – sei es, weil Freunde drin gewohnt hatten oder nur die Menschen, denen sie begegnete, als sie während zweier Jahre die lokale Anzeigenzeitung austrug. Deshalb auch musste sie lächeln, als sie an einer Handkarre vorbei schritt, aus deren aufgeklappter Tasche ihr die furchtbar roten Handzettel des Sparmarktes entgegen leuchteten. War schon wieder Samstag?
Aber auch Hänschen kam ihr in den Sinn, der ihr damals oft geholfen hatte beim Austragen. Sie sah ihn dabei zwar selten, aber sein Bonanzarad, das dann auf der anderen Straßenseite mit ihr zu wandern schien – von Hecke zu Hecke und von Zaun zu Zaun – gehörte wie selbstverständlich dazu. Doch erst heute spürte sie darüber hinaus etwas von der Freude und der Vertrautheit, das dieses Bild beinhaltete.
Als Marie den Dorfanger erreichte, blickte sie zwar zum Bioladen hinüber, sah aber nur, wie der Rasenplatz sich langsam füllte mit Heuballen, Buden, Feuerwehrautos, Menschen und einem flackernden Feuer. Dorffest. Auch hier wieder Hänschen, wie er die leeren Biergläser einsammelte, um über das Pfandgeld zu ein wenig zusätzlichem Taschengeld zu kommen. Dabei sichtlich bemüht, seine Kreise nicht bis in die Nähe seiner Eltern zu ziehen, die ihn um diese Zeit möglicherweise heim und ins Bett geschickt hätten. Und da war ja vorher auch noch das nachmittägliche Kinderfest. Und die Fahrt auf dem Feuerwehrauto, für die Hänschen sich stets dreimal anstellte.
„Banal,“ lächelte Marie, „Wie banal. Und dabei doch so wertvoll.“
Sie drehte sich um und ging zum Catharinenberg hinüber, aus dem sie lautes Lachen hörte. Sie ging vorbei, vorbei auch an der Polizeiwache und dann heim in die Richtung des Freilichtmuseums.
1.5.06 18:53
 


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