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Hänschen

Hans war zurückgekehrt an die Stätten seiner Jugend. Es war ein lautes Wiedersehen mit seinen Freunden im "Catharinenberg". Viel Bier, ein paar Braune, Schulterklopfen und markige Sprüche: "Ja, wir waren Helden damals", grinste er in sich hinein.
Horst sah man das gute Leben an, seine Leibesfülle stand seiner Größe in nichts nach und mit seiner lauten, polterigen Stimme beherrschte er den Raum. Siggi saß wie eh und je mit einem Sportanzug und schon leicht glänzenden Augen dabei. Herman war dabei, ehemals der Eitelste von ihnen und Joe genannt wegen seiner Cowboystiefel; lange Haare hatte er damals, heute waren sie fast alle weg und schon ziemlich grau. Martina, gerade - wie Thomas ihm allwissend verriet - das dritte Mal geschieden, kicherte inmitten der Männer vor sich hin. Und Charlie, der Dorfsherriff, hatte sich zu seinen Lausbuben dazugesellt. Dafür fehlte Peter, der Initiator so manchen früheren Stiefeltrinkens. Und Marie war nicht dabei, deren Bild Hans immer noch in sich trug. Er hatte sie nie vergessen.
Es war ein lautes Stimmengewirr um ihn herum, und der Alkohol ließ ihn leicht schwindeln. Er brauchte Luft und trat vor die Tür, um in Ruhe eine Zigarette zu rauchen. Aufatmendes Seufzen, als er dann davor stand. So lehnte er sich an die Wand des Hauses, im Blick die alte Schule und das alte Feuerwehrgerätehaus. Doch die auf der alten Bundesstraße vorbeibrausenden Autos machten in nicht ruhiger. So begann er zu gehen und seine Schritte bergab zu richten - so wie früher, als er hier mit dem Fahrrad hinabraste, um schnell "ihre" Bank am Molfsee zu erreichen.
Vor dreißig Jahren hatte er das Dorf verlassen. Gegen den Widerstand seiner Eltern, wider das Bitten seiner Freunde. Heute wusste er, dass es eine Flucht war, damals. Eine Flucht vor sich selbst, vor seiner Angst und vor seinen Gefühlen.
Er dachte an Marie, die damals Auslöser dieser Flucht war. Er war enttäuscht gewesen, fühlte sich im Stich gelassen. Zorn und Trauer spürte er jedes Mal, wenn er ihr damals noch begegnete, obwohl er sich bemühte, ihr aus dem Weg zu gehen. Und niemals mehr hatte sie ihn direkt angeschaut. Ob sie ihn für einen Feigling gehalten hatte? Gern hätte er sie damals gehasst für ihr Verhalten und gewusst, ob sein späterer Weggang schmerzhaft für sie gewesen wäre. "Kinderkram" schalt er sich selbst, innerlich lächelnd. Denn wie sich später herausstellte, war nicht Marie der Grund für den Knick in seinem Weg, sondern nur der Anlass dafür. Erst Jahre später kam er der Ursache auf die Spur - seiner Behinderung, die ihn im Denken und Fühlen oft in die Irre führte: "Männer weinen nicht". Eine Behinderung, die für ihn Lebensregel wurde und die er selbst fantasievoll erweiterte. Männer lieben nicht, Männer freuen sich nicht, Männer trauern nicht, Männer haben keine Angst, Männer kennen keine Schwäche... Ein harter Kerl wollte er werden, ein starker Mann, ein scharfer Hund - so, wie Männer halt sind. Doch stets stieß er dabei an Grenzen, die er einfach nicht überschreiten konnte. Die Befolgung seiner Regel bescherte ihm stets Verluste und schränkte ihn ein.
Erst vor zehn Jahren spürte er, dass es so nicht weitergehen konnte. Er brauchte fünf Jahre, bis er das Weinen gelernt hatte. Eine harte Zeit, in der er sehr viel über seine Angst erfuhr, über deren Stärke und darüber, nicht gegen sie anzukämpfen, sondern sie wie jedes andere Gefühl anzunehmen, ernst zu nehmen. Als er dann endlich weinen konnte, weinte er um Marie gleich mit.
Nein, Marie war nicht der Knick in seinem Leben, sondern ein früher Eingang, der in das Tal der Tränen führte. Es war gut, ihr begegnet zu sein. Was sie heute wohl tat? Niemand der alten Freunde hatte von ihr gesprochen.
Hans hatte die alte Dorfstraße erreicht, die am See entlangführte. Sinnierend blieb er stehen. Sollte er zurück kehren in die verräucherte, lärmende Gaststube mit den fröhlichen Menschen oder ganz hinüber gehen, zu ihrer alten Bank, um ein wenig auszuruhen?
Er hörte das ferne Kreischen der Vögel von der Vogelinsel, und während er noch überlegte, wanderte sein Blick hinüber über den Uferrasen bis zu der Bank, die nah am Ufer stand. Dort saß schon jemand. Eine Frau, die ihn in ihrer versonnenen Sitzhaltung an jemanden erinnerte. Sie trug ein gelbes Halstuch, das einen bunten Kontrast zu ihrem kastanienbraunen Haar setzte, und ihn stark an Marie erinnerte. "Dummbatz" schimpfte er sich selbst und begann, über sich zu lachen. Und im Kopfschütteln über sich selbst drehte er sich um und trat den Rückweg an.
30.4.06 18:28
 


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